Gesamtschule ist der falsche Weg für eine Gesellschaft der Vielfalt

Systemfehler: Gesamtschule und die falschen Schlüsse aus dem Bildungstest

Wochenblick Sondermagazin
Gesamtschule Duisburg-Süd, by EnergieAgentur.NRW, via Flickr (https://www.flickr.com/photos/energieagentur-nrw/8553730157) (CC BY 2.0 [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/])

Nur mit den richtigen Annahmen werden auch die richtigen Schlüsse gezogen. Denn erst wenn vorne das Richtige reinkommt, kommt auch hinten das richtige Ergebnis raus. In ihrer ideologischen Verblendung wird das aber von den Etablierten nur allzu gerne vergessen. Deshalb wollen wir dem System auf die Sprünge helfen. Heute: Der Umgang mit den Schulleistungen von Migrantenkindern und der Ruf nach der Gesamtschule.

Kommentar von Siegfried Waschnig

Diese Woche wurde das Bildungsniveau von 73.000 Schülern der achten Klasse präsentiert. Das Ergebnis lässt aufhorchen: 17 Prozent der Jugendlichen haben nach acht Jahren Schule Mühe mit den einfachsten Texten. 28 Prozent verstehen nur kurze, inhaltlich, strukturell und sprachlich nicht komplexe Texte. Gerade einmal nur die Hälfte hat die Bildungsstandards erreicht. Noch herausfordernder stellt sich die Bildungssituation dar, wenn wir den sozialen Hintergrund der Schüler in Österreich genauer betrachten. Auf den ersten Blick gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen österreichischen Kindern und Migrantenschülern und eine tiefe Kluft zwischen Akademikerkindern und »bildungsfernen« Familien. Populisten nehmen das zum Anlass, einmal mehr die Gesamtschule zu fordern.

Migrationshintergrund und Leseschwäche

Österreichische Kinder weisen einen Anteil von 13 Prozent an bildungsschwachen Schülern auf, während schon 37 Prozent der Migrantenkinder als bildungsschwach gelten. Der Anteil an den Risikolesern ist unter Schülern mit Migrationshintergrund also drei Mal so hoch wie unter österreichischen Kindern. Ein Ergebnis das nicht sonderlich überrascht. Heimische Kinder wachsen von klein auf mit der deutschen Sprache auf, ihnen wurde ein »gesellschaftlicher Startvorteil« gewissermaßen in die Wiege gelegt.

Vererbte Bildung mitverantwortlich für schlechtes Abschneiden

Doch nicht nur der Migrationshintergrund hat einen Einfluss auf das Ergebnis. Es ist auch der Bildungshintergrund der Eltern, der sich maßgeblich auf die schulische Leistung der Schüler in Österreich auswirkt. Unter Akademikerkindern erreichen 91 Prozent die vorgegebenen Bildungsstandards. Unter Jugendlichen mit gering gebildeten Eltern nur 62 Prozent. Kinder, deren Eltern maximal die Pflichtschule abgeschlossen haben, liegen um bis zu drei Schuljahre hinter den Leistungen von Akademikerkinder.

Die vermeintliche Stunde der Gesamtschule

Auch diese Erkenntnis soll nicht überraschen. Wir können davon ausgehen, dass »bildungsnahe« Eltern leichter ihre persönliche Erfahrung mit Bildung an ihre Kinder weitergeben, als es »bildungsfernen« Familien möglich ist. Wegen dieser zwei Gründe – Migrations- und Bildungshintergrund der Eltern – sehen Populisten nun die Gunst der Stunde gekommen und rufen nach einer Einführung der Gesamtschule. Doch sie übersehen einen wichtigen Punkt.

Höheres Bildungsniveau zugunsten der Migranten

Den glaubt man Statistik Austria, dann sind Migranten beim Abschluss von allgemein bildenden höheren Schulen und Universitätsabschlüssen nicht benachteiligt, sondern haben sogar einen leichten Vorsprung gegenüber österreichischen Familien. Demzufolge schließen rund 32 Prozent der Österreich eine allgemein bildende höhere Schule ab oder erlangen einen Universitätsabschluss, während das bei 37 Prozent der Migranten der Fall ist. Was also das höhere Bildungsniveau anbelangt, gibt es keinen Grund eine Gesamtschule zu fordern, um einen Unterschied zwischen Migranten und Inländern auszugleichen. Das Argument des »benachteiligten Migranten« scheint hier nicht zu greifen.

Migranten auch bei niedrigem Bildungsniveau vorne

Beim Pflichtschulabschluss zeigt sich ein anderes Bild. Im Vergleich zwischen Inländern und Migranten haben rund 12 Prozent der Österreicher und 27 Prozent der Migranten nur eine Pflichtschule (z.B. Hauptschulabschluss bzw. NMS) als höchsten Bildungsabschluss vorzuweisen. Das scheint auch mit dem Bildungsergebnis dieser Woche zu korrelieren, bei dem 13 Prozent der Inländerkinder und 37 Prozent der Migrantenkinder als leseschwach gelten. Die Idee der »vererbten« Bildung scheint sich also hier zu bestätigen. Was auffällt ist, dass es bei den »bildungsfernen« Migranten nur um eine bestimmte Migrantengruppe zu handeln scheint, da der andere Teil es in die »höheren Bildungsregionen« schafft. Die Analysen des Österreichischen Integrationsfonds teilen diese Einschätzung. Bei Inländern ist ein niedriger Bildungsabschluss eher selten.

Mitten im »Systemfehler«

Während Gleichheitsideologen und Populisten behaupten, das schulische Potential eines jeden Kindes auf Hochschulniveau heben zu können, bezweifeln das die vernünftigeren Stimmen. Diese gehen von unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten, Talenten und Fähigkeiten jedes Menschen aus und sehen diese Unterschiede als wertvollen und wichtigen Bestandteil unserer Gesellschaft. Denn was wäre unser Land, wenn es nur aus Intellektuellen und Studenten bestünde? Wer würde unser Brot backen, wer unsere Kranken pflegen und wer unsere Autos reparieren?

Differenzierte Ausbildung statt Gesamtschule

Gerade Facharbeiter werden in einem Land dringend gebraucht. Ihre Ausbildung sollte mindestens den gleichen gesellschaftlichen Stellenwert wie eine Universitätsausbillung genießen. Gleichzeitig wird es in einer Gesellschaft immer Menschen geben, die ihr Bildungsniveau nicht ins Unendliche steigern werden können. In Wirklichkeit gibt es also keinen vernünftigen Grund, unterschiedliche Talente und Fähigkeiten in einer Gesamtschule über einen Kamm zu scheren. Wichtig ist ein vielfältiges Bildungsangebot, das für unterschiedliche Talente und Wünsche maßgeschneidert ist.

Nichts spricht für die Gesamtschule

Beim höheren Bildungsniveau gibt es keinen eklatanten Unterschied zwischen Migranten und Inländern. Beide Gruppen scheinen die gleichen Chancen auf höhere Bildung zu haben. Das beweist der ähnliche hohe Anteil von Migranten und Inländern bei höheren Bildungsabschlüssen. Selbst dann, wenn man die größte Gruppe der – deutschsprachigen – deutschen Studenten herausrechnet. Was aber auffällt, ist, dass es tatsächlich so etwas wie »vererbte« Bildung zu geben scheint. Diese scheint aber nur unter bestimmten Migrantengruppen besonders hoch zu sein. Die Gründe dieser gesellschaftlichen Entwicklung müssen daher näher verifiziert werden. Als Rechtfertigung für die Einführung einer Gesamtschule taugen sie aber nicht.

Die offenen Fragen

Das in dieser Woche veröffentlichte Bildungsergebnis stellt uns in Wirklichkeit nur vor drei Fragen: Wie viele von den aktuell »Bildungsfernen« sind in der Lage, den Schritt in die nächsten Bildungsstufe zu machen und wie wollen wir denjenigen begegnen, die das gar nicht schaffen wollen oder schaffen können. Gleichzeitig ist die Frage berechtigt, ob weitere Zuwanderung von der Gruppe mit besonders niedrigen Chancen auf höhere Bildung vernünftig ist.

Offen bleibt auch die Frage, warum unter bestimmten Migrantengruppen bei anscheinend gleichen Chancen der Hang zur »Bildungsferne« besonders hoch zu sein scheint und welche Umstände dafür verantwortlich sind. Bisherige staatliche Integrationsmaßnahmen scheinen hier nicht gegriffen zu haben und gehören daher genauer unter die Lupe genommen. Versagen der Regierung in Einwanderungs-, Bildungs- und Integrationspolitk ist aber noch lange kein vernünftiger Grund für die Einführung der Gesamtschule und weitere Nivellierung nach unten.

Die Beantwortung dieser Frage und was daraus für die Einwanderungspolitik ergibt, widmen wir uns in einem anderen Systemfehler.

 

 

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