Sinnbild für den Angriff auf die heimische Kultur?

Die jährliche Debatte um die Perchten



By Holger Uwe Schmitt (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Alle Jahre wieder kommt in Tirol und Österreich nicht nur das Christuskind, sondern auch die hitzig geführte Debatte, ob eines der letzten authentischen Brauchtümer des Alpenraumes noch zeitgemäß sei. Dabei fällt auf: Gerade die sogenannten Leitmedien und Experten überschlagen sich mit reißerischen Schlagzeilen, wenn es darum geht, das bei der Bevölkerung immer beliebtere Kulturgut um die Perchten und Krampusse quasi als ‚Spielwiese für Rauf- und Trunkenbolde‘ ins Abseits zu stellen.

Kommentar von Julian P. Eschentharrn.

Vor einigen Wochen hat ein Vorfall die Debatte neu entfacht: In Kärnten war es im Rahmen einer Brauchtumsveranstaltung zu Verletzten gekommen. Gewiss kann man nicht in Abrede stellen, dass es unseriös organisierte Passen und schwarze Schafe gibt. Aber: Der Eifer mancher Schreiberlinge ist schier grenzenlos, wenn es um diesen uralten, wohl auf vorchristliche Wurzeln zurückgehenden Brauch geht. Man versucht dann, das urtümliche Treiben allzu schnell als Schauerakt im gesetzlosen Raum zu brandmarken.

Da wird schnell ein Umzug als ‚aus dem Ruder geraten‚ verunglimpft, wenn es Stunden nach einem Lauf zu einer Rauferei im Festzelt kam.  Tragische Fehlfunktionen der Pyrotechnik werden zu „Ausschreitungen“ hochstilisiert. Wohl im Wissen, dass in dieser schnelllebigen Zeit oftmals nur eine Überschrift gelesen wird. Der Artikel selbst klärt nämlich meistens auf. Dennoch hält es vorgebliche ‚Brauchtumsforscher‘ nicht davon ab, Maskenbräuche generell in ein Näheverhältnis zur Gewalt zu stellen. Da gilt es sogar als opportun, dem Schauspiel eine psychopathische Neigung zu unterstellen. Den Unterschied zwischen den einzelnen Brauchtümern kennen sie freilich nicht, synonym wird mit den Begriffen um sich geworfen.

Strenge Regeln bei Veranstaltungen

Dabei sind die meisten Krampus-, Tuifl- und Perchtenläufe längst einem rigorosen Reglement unterworfen, um gefährlichen Zwischenfällen vorzubeugen. So lässt etwa die Festungsstadt Kufstein bereits seit über zehn Jahren ihre Läufer namentlich und numerisch registrieren. In Matrei in Osttirol hat man aus diesem Grund sogar vor 20 Jahren das traditionelle „Tischlziachn“ zumindest offiziell aufgegeben. Vielerorts sorgen ausgeklügelte Sicherheitskonzepte für Ordnung. Längst gilt auch fast überall der Vorsatz „z’erscht werd‘ g’loffen, nand werd‘ g’soffen“ als selbstauferlegte Regel.

Einer der größten und traditionsreichsten Krampusläufe findet in Haiming im Tiroler Oberland statt. Mehr als 100 Teilnehmer frönen alljährlich diesem Brauch – bislang ohne Zwischenfälle. Das ebenso einfache wie deppensichere Sicherheitskonzept? Eine intakte Dorfgemeinschaft, wie Simon Wegleiter als Sprecher der örtlichen Gruppe bestätigt:

„Bei uns laufen nur Haiminger mit. Weil wir Angst haben, dass andere Gruppen über die Stränge schlagen […] Unsere Larven sind alle einzigartig, jeder kennt jeden. Wenn einer Mist baut, braucht er gar nicht wiederkommen.“

Traditionsumzüge als Zeichen lebendiger Leitkultur

Gesichert ist das Überleben der Tradition auch in diesen Zeiten nicht. Mit den Folgen des großen Austausches verschieben sich etwa auch die Mehrheitsverhältnisse in den Orten. Fehlt einer Tradition der Nachwuchs, stirbt sie einen langsamen, aber sicheren Tod. Als Nebenprodukt der Migrationskrise wurden z. B. 2015 auch bereits Läufe in Hallein (Salzburg) und Ossiach (Kärnten) abgesagt. Umso entlarvender also die Bestrebungen der Gutmenschen und ihrer Erfüllungsgehilfen in den Redaktionsstuben. Der Versuch, den Brauch in Verruf zu bringen und ihm alle möglichen Unwirtlichkeiten anzudichten, zielt vor allem auf Familien ab. Denn wo es als unsicher gilt, da nimmt man seine Kinder nicht mit – und was sie nicht kennenlernen, dafür werden sie sich nicht begeistern.

Dabei ist es vor allem auf das Traditionsbewusstsein der heimischen Bevölkerung im ländlichen Österreich zurückzuführen, dass sich solche Bräuche zur Winterzeit halten konnten. Und zwar trotz eines jahrhundertelangen Bannes durch die Kirche, für die es wie eine Teufelei wirkte. Dabei sind dem regionalen Facettenreichtum keine Grenzen gesetzt. So berüchtigt wie die Kleibeif in Osttirol für ihre rauen Sitten sind, so urtümlich vertrommeln im Unterinntal die Tamperer den Frost. Kaum zwei Täler feiern dieses Kulturgut auf dieselbe Art und Weise und so wird es einem Zuschauer nie langweilig werden, wo auch immer er es besieht.

Zuspruch erhält Brauchtum am Leben

Es lohnt sich also auch für Kurzentschlossene, den letzten Tag der traditionellen Krampussaison für einen Ausflug zu nützen. Und wer es verpasst – der hat eine zweite Chance. In einigen Gemeinden im Unterland und im Außerfern laufen die Perchten nämlich erst ab der Wintersonnwende bis zum Dreikönigstag. In Salzburg ist dies überhaupt der Regelfall. Jedenfalls – die ehrenamtlichen Vereine leben von der Begeisterung der Menschen, und nur so kann das Brauchtum gegen alle Unkenrufe am Leben gehalten werden. Wer lieber in der warmen Stube bleibt, darf sich anschließend nicht beschweren, dass die Bräuche verschwinden.

Zu guter Letzt: Es soll ja tatsächlich zart besaitete Menschen geben, deren Welt von einem kleinen Rutenhieb auf den Allerwertesten aus den Fugen gerät. Vielleicht sollten sich diese auch nicht unbedingt in die erste Reihe stellen und die Teilnehmer am lautesten ‚tratzen‘. Man kann das Brauchtum schließlich auch aus ein paar Metern Abstand genießen.

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