Ein Auszug aus dem aktuellen Info-DIREKT-Printmagazin

Martin Lichtmesz: Kann nur ein Gott uns retten?

Martin Lichtmesz
Bild Martin Lichtmesz: Martin Lichtmesz; Bild Sessel: pixabay (CC0)

Selbst in der säkularisierten Welt der Moderne spielt die Religion eine entscheidende Rolle, und sei es lediglich in einem negativen Sinne, durch ihre Abwesenheit, durch das Vakuum, das sie hinterlassen hat. Es ist meine Überzeugung, dass unsere Epoche nur über das berühmte Nietzsche-Wort vom „Tod Gottes“ verstanden werden kann, also den Zerfall des christlichen Weltbildes und Glaubens, und damit ganzer kosmischer Ordnungen, Wertesysteme und Anthropologien.

Ein Gastbeitrag von Martin Lichtmesz

„Wo keine Götter sind, walten Gespenster“, schrieb bereits Novalis zu einer Zeit, als die Romantik einen Gegenschlag wider die Aufklärung vorbereitete – ein Gedanke, den Ernst Jünger 1934 variierte, als die „Dialektik der Aufklärung“ die „politischen Religionen“ des Stalinismus und Nationalsozialismus zu voller Blüte gebracht hatte:

„Die verlassenen Altäre sind von Dämonen bewohnt“

Mythische Systeme

Mein Ansatz fasst den Begriff der „Religion“ sehr weit. Im Kern verstehe ich darunter alle Arten von Sinnstiftung und Transzendenz des individuellen, beschränkten, endlichen Ichs, aber auch die Quellen und Heilmittel, die uns helfen, den Kräften zu widerstehen, die uns verneinen – dem Schmerz, dem Leiden, dem Chaos, dem Amorphen, der Sinnlosigkeit, der Trauer, dem Bösen, dem Tod. Ein Schlüsselwerk für meine Perspektive ist die Studie „Dynamik des Todes“ (1973, Original: „The Denial of Death“) des Soziologen Ernest Becker (1924-1974). Der Mensch ist nach Becker eine Art selbstbewusstes Tier, dem die nackte Existenz nicht genügt, das eines Lebenssinnes und der „heroischen“ imaginären Ordnungen bedarf, um den Schrecken des Todes, der Vernichtung und die Zufälligkeit des eigenen Daseins ertragen zu können.

Info-DIREKT, Ausgabe Nr. 18

Daher ist auch jedes kulturelle System mit seinen „Rangordnungen und Rollen, Sitten und Verhaltensmaßregeln“ ein symbolgesättigtes „Heldensystem“, mit dem sich eine Kultur gegen das Nichts und die Bedeutungslosigkeit stemmt: „Es ist irrelevant, ob nun das kulturelle Heldensystem als magisch, religiös und primitiv oder als weltlich, wissenschaftlich und zivilisiert auftritt. Es ist und bleibt ein mythisches System, in das die Menschen hineingeboren werden, um sich das Bewusstsein ihres primären Wertes, ihrer kosmischen Besonderheit, ihres endgültigen Nutzens für die Welt, ihrer nicht zu erschütternden Bedeutung zu erwerben. Sie erhalten das Gefühl, indem sie sich in der Natur einen Platz sichern, sich ein Denkmal bauen, das menschliche Werte verkörpert: einen Tempel, eine Kathedrale, einen Totempfahl, einen Wolkenkratzer, eine Familie von drei Generationen.“

Wenn ausnahmslos jede Gesellschaft „ein kodifiziertes Heldensystem“ ist, also ein „lebendiger und herausfordernder Mythos des Sinnes des menschlichen Daseins“, dann „stellt jedwede Gesellschaft, ob sie es will oder nicht, auch eine Form der Religion dar“, die sowjetische und maoistische ebenso wie die „wissenschaftliche“ oder konsumorientierte − „gleichgültig, wie sehr sie sich verkleiden, indem sie religiöse Vorstellungen aus ihrem Leben verdrängen.“

Ist alles gut, was funktioniert?

Die Antwort auf diese Frage sowie den vollständigen Beitrag von Martin Lichtmesz lesen Sie im aktuellen Info-DIREKT Printmagazin. Am besten gleich abonnieren!

  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
Wunderheiler

Gott braucht man nicht unbedingt, ich persönlich empfinde die damit verbundenen Verwirrungen vielmehr als Hindernis. Irgend ein Gemeinschaftskonzept braucht man aber schon, als Realist bevorzuge ich eines, das auf (echter!) Wissenschaft aufbaut. So etwas könnten wir schon haben, wenn nicht die Aufklärung in wesentlichen Punkten versagt hätte. Was sich insbesondere in den aktuellen Problembereichen Demographie und Identität schmerzlich auswirkt.

meier

Der Mensch hat es ja auch nicht wirklich leicht. Er ist sich seiner Situation zumindest ein wenig bewusst. Da braucht es Strategien, um damit halbwegs vernünftig umzugehen, vor allem wenn es nicht so läuft und das ist Teil der Geschichte. Aber drehen wir die Sache mal um, was wäre, wenn der Mensch die “Geheimnisse” geknackt hätte. Wie würde sich das auf Antrieb und Sinn auswirken und dann auch noch “ewiges Leben”. Hätten wir es dann vielleicht noch schwerer, man hat alles gesehen, alles erlebt und dann noch hunderttausend Jahre. Dazu empfehle ich: