Einweisung in Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher

Versuchter Ehrenmord: Haft für Liesinger Messerstecher

Bild: APA

Ein 20-Jähriger Mann mit türkischen Wurzeln ist am Mittwoch am Wiener Straflandesgericht wegen Mordversuchs zu acht Jahren Haft verurteilt worden, weil er einen ehemaligen Schulfreund niederstechen wollte, um die Familienehre wieder herzustellen. Er glaubte, dass der 19-Jährige eine Beziehung mit seiner Schwester pflegte. Bei der Messerattacke erwischte er jedoch den jüngeren Bruder.

Der 20-jährige Angeklagte war seit seiner Kindheit mit dem 19-Jährigen, dem der Angriff eigentlich hätte gelten sollen, befreundet. Sie seien beinahe jeden Tag unterwegs gewesen. 2016 habe sich der Beschuldigte zu verändern begonnen. Die meisten Freunden hätten sich deshalb auch von ihm abgewandt. Von der Schule flog der 20-Jährige auch, weil er grundlos Mitschülern die Schere an den Hals gehalten hatte. Als er “bedrohliche Stimmen” hörte, ging der 20-Jährige zum Arzt, der ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostizierte.

Die Medikamente, die ihm verschrieben wurden, setzte er jedoch bald wieder ab. Er begründete dies mit einer starken Gewichtszunahme und Müdigkeit. Deshalb sei ihm seine Arbeit als Pizzabäcker schwergefallen. In dieser Zeit hörte er das Gerücht, dass seine Schwester mit dem 19-jährigen Freund ein sexuelles Verhältnis habe.  Er hatte den 19-Jährigen auch zur Rede gestellt, dieser verneinte allerdings, eine Beziehung mit der 17-Jährigen zu haben. Die Burschen umarmten sich nach dem Gespräch, dennoch ließ das dem Türken keine Ruhe.

Angriff aus dem Hinterhalt trifft Bruder

Am 21. Oktober 2016 wachte er gegen 2.00 Uhr auf und dachte mit Wut und Zorn erneut an das Verhältnis seiner Schwester mit dem Freund. Nachdem er große Mengen an Whiskey getrunken hatte, machte sich der Türke mit einem Springmesser auf den Weg zur Wohnung des 19-Jährigen in Liesing. Stark alkoholisiert – laut Berechnung des Gutachters dürfte er 2,5 Promille gehabt haben – legte er sich dort auf die Lauer. Gegen 6.00 Uhr sah er plötzlich eine Person aus dem Haus kommen, die dem verhassten Freund ähnlich sah. Mit einem Schal über dem Mund und Kapuze auf dem Kopf schlich er sich heran und stach dem Burschen in die linke Flanke zwischen die Rippen.

Er nahm sein Opfer in den Schwitzkasten, danach habe er ein “Blackout” gehabt und stach immer wieder zu, sagte der Angeklagte. Als Begründung für die brutale Messerattacke sagte er der Schwurgerichtsvorsitzenden, Richterin Beate Matschnig, folgendes:

“Ich habe mich hintergangen gefühlt […] Hinter meinem Rücken darf man das nicht. […]Ich wollte ihm eine Abreibung verpassen.”

Aggressionen auch gegen Schwester

Als der Attackierte laut um Hilfe schrie, erkannte der 20-Jährige Türke, dass es sich um dessen 15-jährigen Bruder handelte und flüchtete. Sieben heftige Stichverletzungen am Oberkörper und an den Armen erlitt der Jugendliche, der sich lebensgefährlich verletzt zurück in die Wohnung schleppte, wo seine Eltern die Rettung verständigten. Eine mehrstündige Notoperation rettete dem 15-Jährigen das Leben. Ein Jahr lang lebte die Familie in Angst, da der Täter nicht gefunden werden konnte. Nie verließ ein Familienmitglied alleine das Haus. “Wir haben uns alle gegenseitig nach Hause begleitet”, berichtete das mittlerweile 16-jährige Opfer unter Tränen.

Auf die Spur des Täters kamen die Ermittler im September 2017. Der entscheidende Hinweis, der zur Festnahme des  türkischstämmigen Migranten führte, stammte aus dessen eigener Familie. Die Schwester des 20-Jährigen flüchtete zum Jugendamt, da sie sich vor dem aggressiven Verhalten des Bruders fürchtete. Dabei erwähnte das Mädchen, dass dieser schon einmal “jemand töten wollte”, führte der Staatsanwalt aus.

Einweisung in Maßnahmenvollzug

Der beigezogene Gerichtspsychiater Peter Hofmann hielt den Angeklagten für derart gefährlich, dass er sich in seinem Gutachten für die Unterbringung im Maßnahmenvollzug aussprach. Ihm zufolge leide der Angeklagte unter der paranoiden Schizophrenie, war aber nie richtig in Behandlung. Seine Diskretions- und Dispositionsfähigkeit war zum Zeitpunkt der Tat herabgesetzt, Zurechnungsfähigkeit war jedoch gegeben.

Nur einen Tag vor der Tat bat der 20-Jährige in einer psychiatrischen Einrichtung in Wien um Hilfe. Dort wurden ihm neue Medikamente verabreicht, da er von Halluzinationen berichtete und sich einbildete, seine Freundin würde ihn betrügen. Drei Tage nach der Tat suchte er das Ambulatorium erneut auf. Die Geschworenen stimmten mit 7:1 Stimmen anklagekonform. Der Mann wurde in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.