Liebe Leser, manche Ziele kann man niemals endgültig erreichen. Eine gute Ehe zu führen, einen gepflegten Garten zu haben oder das Überleben des eigenen Volkes sicherzustellen. All das kann täglich gelingen. Man kann daran auch endgültig scheitern. Vollendet sind diese Aufgaben jedoch nie.
Kommentar von Michael Scharfmüller aus dem Magazin Info-DIREKT, 62. Ausgabe
Manche Menschen machen solche Gedanken unglücklich, mich nicht. Bei mir ist sogar das Gegenteil der Fall. Mir gefällt das Bild des Sisyphos, der unermüdlich einen Stein vor sich herrollt. Allerdings stelle ich ihn mir nicht auf einem Berg, sondern in einer niemals endenden Landschaft vor. Damit gibt es für ihn keinen Gipfel und keine Ziellinie, die er erreichen kann. Er kann nicht gewinnen, er kann seine Aufgabe aber erfüllen, indem er den Stein so lange rollt, bis jemand an seine Stelle tritt.
Sisyphos, aber glücklich
Was im ersten Moment vielleicht anstrengend klingt, könnte der Schlüssel zu einem erfüllten Leben sein. Wer eine Aufgabe gefunden hat, die über das eigene Leben hinausreicht, ist meist glücklich. Wem es zudem gelingt, sich gleich darüber zu freuen, wenn der Stein leicht rollt, darf sich besonders glücklich schätzen. Es bringt nichts, ständig zu jammern, dass früher alles besser war. Heute ist nämlich das Früher von morgen. Wer einmal einen Frühling bewusst erlebt hat, kann auch im Winter noch Wärme spüren.
Geistig jung und beweglich bleiben
Freilich klänge es verlockend, wenn man es sich einmal für den Rest des Lebens gemütlich einrichten könnte. So funktioniert das Leben aber nicht - zum Glück nicht. Hermann Hesse hat recht: Das Leben will immer wieder aufs Neue erschlossen werden. Wo das nicht mehr der Fall ist, droht Erschlaffung. Wer das Leben so auffasst und eine sinnvolle Aufgabe gefunden hat, bleibt ziemlich sicher bis ins hohe Alter zumindest geistig jung und beweglich.
Ein hoffentlich endloser Staffellauf
Ein solches zyklisches Zeit- und Lebensverständnis kann auch politisch aktiven Menschen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und motiviert zu bleiben. Auch Viktor Orbán konnte Ungarn nicht endgültig retten. Das kann niemand. Wo es keine Ziellinie gibt, gibt es auch keinen endgültigen Sieg. Unsere Aufgabe ist es daher, unser Land so an die nächste Generation weiterzugeben, dass auch diese ihre Aufgabe erfüllen kann. Mit einem abgewandelten Zitat von Rainer Maria Rilke lässt sich das auf den Punkt bringen:
„Wer spricht vom Siegen? Weitergeben ist alles.“
In diesem Sinne danke ich allen Info-DIREKT-Unterstützern, dass sie unserem Magazin dabei helfen, den Stein am Rollen zu halten, bis andere an unsere Stelle treten und auf ihre Weise weitermachen.
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